Eine Heckengemeinde im Aufbruch
Impressionen aus Bruckenau, August 2008
„Bruckenau, eine Banater Heckengemeinde an der Bergsau“
nennen die Urheber des Bruckenauer Heimatbuches liebevoll die kleine Gemeinde,
21 km NNO von Temeschburg, an der Kreisstraße Temeschburg – Lippa, welche über
250 Jahre Heimat für einige tausend Banater Schwaben war.
Besucht man heute als ehemaliger Einwohner dieses kleine
Heckendorf, so treten einem gemischte Gefühle, von Trauer bis Begeisterung,
entgegen.
Aus Richtung Temeschburg kommend, erblickt das Auge zuerst
ein neues Gebäude auf dem ehemaligen
„Gostatgelände“. Es ist ein Milchverarbeitender Betrieb, der die
Milchproduktion des ehemaligen SLB verarbeitet. Der erste Eindruck: Ja, es tut
sich was. Doch einige Meter weiter steht man vor der geschlossenen, früher weit
über den Dorfrand hinaus bekannten Mühle. Der Enthusiasmus schlägt in Herzweh
über. Fährt man aber durch das Land, ist der Grund nachvollziehbar. Viele
Flächen liegen brach, das Ackerland ist zum Spekulationsobjekt geworden. Viele
haben das Land an zahlungskräftige Investoren verkauft, hoffen auf einen noch
höheren Preis oder wandeln das Ackerland in Bauland um, um einen dementsprechend
höheren Verkaufspreis zu erzielen. Dies kann nicht nur im Banat, sondern
landesweit, festgestellt werden. Da erübrigt sich die Frage, warum die
ehemalige Kornkammer Europas das Weizenmehl aus Ungarn importiert!
Die der Mühle gegenüber liegende Rodung wurde ebenfalls in
Bauland umgewandelt und wartet auf zahlfreudige Kunden. Ein Wasserleitungsnetz
ist bereits verlegt. Vom gleich nebenan liegenden, unbeschrankten, Bahnübergang
erblickt das Auge des aufmerksamen Betrachters an der Stelle, wo sonst eine
Brücke über den kleinen Bach: „Bergsau“ führte, jetzt einen Riesenkrater
umgeben von einigen Geröllhaufen. Wenige Augenblicke später erklärt sich der
Anblick. Die Brücke wird im Zuge der Straßenrenovierung erneuert. Eine daneben errichtete
Behelfsbrücke ist für den immer größer werdenden Verkehr angelegt. Dass bei
einer solchen Baustelle eine mobile Ampelanlage den Verkehr regelt, wäre vor
ein paar Jahren noch nicht vorstellbar gewesen.
Die Kreisstraße Temeschburg – Lippa wird komplett saniert
und erhält, zumindest soweit der Kreis Temesch reicht (bis hinter Alios), einen
neuen Belag. Die Untergrundteerung ist weitestgehend abgeschlossen und der
Nutzbelag auch zum Teil aufgetragen. Die Unterstruktur der Straße wurde
teilweise erneuert und verdichtet, die Fahrbahn etwas verbreitert und soll 10
Tonnen / Achse standhalten. Laut einem regionalen Radiosender sollen die
Bauarbeiten bis Ende September abgeschlossen sein. Obwohl die Arbeiten mit
modernsten, computergesteuerten Anlagen ausgeführt werden, stellt der gleiche
Radiosender die Frage in den Raum, ob der Belag über die Garantiezeit von fünf
Jahren hinaus halten wird.
Die seitlichen Gräben wurden neu ausgehoben und einige
zusätzliche Brücken unter der Straße eingearbeitet. Nach Angaben einer
Rathausangestellten sollen in Bruckenau auch die Brücken zu den jeweiligen
Anwesen von der Gemeinde erneuert werden.
Das Dorf hat in den letzten Jahren einige gleich
auffallende, aber auch unwahrnehmbare Änderungen durchstanden. Die meisten Anwesen
sind nun wieder - unter welchen Umständen auch immer - in Privatbesitz und die
meisten Eigentümer bemühen sich, ihre Häuser zu renovieren, oder neu
aufzubauen. Der Gesamteindruck ist recht zusagend, wobei aber nicht
verschwiegen werden darf, dass einzelne Gebäude dem Verfall preisgegeben sind.
Positiv soll hier vermerkt werden, dass das vor zwei Jahren bei
einem Sturm heruntergefallene Kreuz auf der katholischen Kirche nun mit Geldern
vom Ordinariat Temeswar ersetzt wurde. Wie aus dem Rathaus zu erfahren war, ist
inzwischen auch die Genehmigung zur Renovierung der Kirche eingetroffen. Die
soll mit Spendengeldern der ehemaligen deutschstämmigen Einwohner aus
Deutschland durchgeführt werden, wobei sich die Frage stellt, wie weit man mit
den bei der HOG Bruckenau eingegangenen Spenden kommt.
Zu den auffallenden Änderungen gehört auch die Neugestaltung
des Dorfzentrums. Das gleich nach dem Umsturz über den „Sauerwasserbrunnen“
erbaute, eher einer Kapelle ähnelnde Bauwerk, in welchem sich gerade in den
Abend- und Nachtstunden merkwürdige Gestalten aufhielten, wurde weggerissen und
der Brunnen erhielt eine aspektvolle Gestaltung. Das Bushaltestellenhäuschen
wurde auf die „Brunnenseite“ verlegt und erneuert. Der gesamte Platz zwischen
Bushaltestelle und ehemaliger Konditorei wurde gepflastert und außerdem mit
Blumenbeeten und Rasenflächen bestückt. Hier fühlt man sich mitten in Europa!
Das sich auch im Zentrum befindende Kulturheim (Caminul
Cultural) wurde renoviert und mit einer Klimaanlage versehen. Der Vorplatz ist
gepflastert und mit einer Überdachung ausgestattet.
Einkäufe können in den heimischen „Tante Emma“ – Läden
getätigt werden, welche ihr Sortiment der Zeit anpassen. Hat man noch vor ein
paar Jahren Obst, Gemüse und Milcherzeugnisse hier vergebens gesucht, ist das
Angebot jetzt, der Größe entsprechend, reichhaltig, denn nicht nur die Felder,
sondern auch die hauseigenen Gärten werden großteils nicht mehr so intensiv wie früher
bewirtschaftet.
Die Viehzucht ist rückgängig und in einigen Jahren sucht man
wahrscheinlich vergeblich, nicht nur in Bruckenau, nach einem hausgemachten „Original
Banater Schinken“. Die Nähe zur Großstadt und Europa ist überall sichtbar, ob
in der Landwirtschaft, Viehzucht oder einfach den zwischenmenschlichen
Beziehungen. Dabei darf man nicht allein den Dorfbewohnern die Schuld zuweisen
– vieles ist von der Europäischen Union bestimmt!
Die ehemalige „Braserie“ wurde modernisiert und aufgeteilt. Zwar
ist diese noch nicht auf europäischem Standart, jedoch kann man hier wieder ein
Getränk in menschenwürdigen Bedingungen genießen. Im gewesenen „Separée“ ist
eine kleine Konditorei, mit eigenem Eingang, entstanden.
Am Dorfausgang, in Richtung Fibisch, auf der linken Seite, sollte
eine neue Siedlung entstehen. Der Grundstein wurde bereits im Jahre 2007
gelegt. Die Rohbauten der damals begonnenen fünf Häuser stehen noch heute unvollendet
da. Es ist eine Baufirma, welche diese Häuser bauen und anschließend verkaufen wollte. Nach
Aussagen der Dorfbewohner geriet der Inhaber jedoch mit dem Gesetz in Konflikt und somit stehen die Rohbauten heute noch
unverändert da.
Wenn man bedenkt, dass der Großteil der in die einzelnen
Grabstätten getanen Investitionen schon mindestens 18 Jahre zurück liegen,
macht der katholische Friedhof, den Umständen entsprechend, einen zufrieden
stellenden Eindruck, wobei er vor der großen Auswanderungswelle sicherlich
besser ausgesehen hat. Dank der HOG Bruckenau und des von ihr bezahlten
Pflegers ist der Hauptweg sauber und auch der Pumpbrunnen funktioniert wieder. Vor
ein paar Jahren wurde die Kapelle saniert und der Friedhofszaun erneuert, somit
wird das Wild vom nahe gelegenen „Darwasch“ Wald abgehalten.
Zum Friedhof, als auch in alle anderen Nebenstraßen gelangt
man nun problemlos, auch bei Regenwetter, mit dem PKW. Die Nebenstraßen wurden
geschottert und die Schlaglöcher beseitigt. Ist zwar noch kein europäischer
Standard, aber jedenfalls ein Fortschritt, gerade für eine so kleine Kommune.
Im ganzen Ort ist ein Wasserleitungsnetz verlegt, wobei
sowohl am katholischen, als auch am orthodoxen Friedhof eine Entnahmestelle
eingerichtet wurde. Hausanschlüsse sind aber nach meinem Wissen noch nicht
erfolgt, da ja seit jeher ein jedes Anwesen einen eigenen Brunnen hat, an dem
oftmals ein Hauswasserwerk angeschlossen ist, um fließend Wasser im Haus zu
haben. Das Projekt für eine Kanalisation ist erstellt und man wartet auf die Genehmigung
und Finanzen aus der Hauptstatt, um dieses kostspielige Konzept in die Tat
umzusetzen. Zu den nicht gleich auffallenden Änderungen zählt auch die
Tatsache, dass neben Telefon, auch Kabelfernsehen und eine Internetverbindung zur
Verfügung stehen.
Schlussfolgernd möchte ich nun behaupten.
- Subjektiv gesehen:
Es hat sich einiges, sowohl zum positiven, als auch zum
negativen in der der kleinen „Heckengemeinde an der Bergsau“ verändert. Die
„blühenden Felder“ und die gediegenen Bauernhäuser gehören leider langsam der
Vergangenheit an. Die grüne „Hutwaad“ voller Kühe, Gänse und Enten ebenfalls,
sowie die innigen Beziehungen zwischen den Menschen.
- Objektiv gesehen:
Die Zeit bleibt auch vor einem so kleinen Ort im Banat nicht
stehen. Der Fortschritt ist auf „Schritt und Tritt“ zu sehen. So gesehen nähert
sich die Siedlung schneller dem europäischen Standart, als wie von so manchen
gewünscht.
Bruckenau ist eine Heckengemeinde im Aufbruch!
Helmut Schlauch

Bilder
aus Bruckenau, August 2008